Sonntag, 29. Mai 2011

Totgeglaubte leben länger...

... und ja, dieser Blog und sein Author leben tatsächlich noch. Nach längerer Abstinenz, nennen wir es eine Orientierungspause, gibt es nun mal einen aktuellen Stand meinerseits.
Also, wo soll man anfangen nach einer so langen Pause? Selbstverständlich werde ich nicht jedes Detail erzählen, aber ihr kennt mich ja und wißt wie das ausgehen wird.
Ich bin immernoch im kleinen 150-Seelen-Nest Beacon, wohne sogar in meinem eigenen Haus, und mittlerweile schon ziemlich gut eingelebt und aufgenommen von den Einheimischen. Wirklich sehr nette Menschen hier, hauptsächlich Weizen- und Schaffarmer, die über jedes neue Gesicht freuen. Wenn man hier lebt, bekommt man natürlich die alltäglichen Probleme der Menschen mit, die hauptsächlich wetterabhängig, genauer regenabhängig sind. Trotzdem drängt sich der Eindruck auf, das hier die Uhren anders (langsamer) ticken und die Welt nicht ganz so schlecht ist. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, das man hier so weit von einfach allem weg ist. Der positive Eindruck trifft aber zumindest auf die kleine Gemeinschaft der Stadtbewohner (ja, Beacon ist eine Stadt!) und anliegenden Farmer zu. Das, was das ganze irgendwie zusammenschweißt, ist das "Footy". So wird das Australien Rules Football in der Umgangssprache genannt. Die Heimmannschaft sind die Beacon Bombers, bei denen ich auch schon zweimal mittrainiert habe. Wohl eher mit mäßigem Erfolg. Und für weitere Trainingseinheiten fehlt mir aktuell einfach die Zeit. Und das ist jetzt mal keine Ausrede. Aber dazu gleich. Jeden Samstag ist also das Hauptereignis der Woche wenn es zum Footy geht. Und wenn man das mal mit Kreisklasse vergleicht, hier wird schonmal 150km bis zum Auswärtsspiel gefahren, in einer Liga, in der grade einmal 8 Mannschaften spielen. Da ist wohl verständlich, das sich zu einem solchen Event die Frauen so richtig rausputzen, wenn sie denn nicht im Hockey- oder Netballteam spielen. Footy ist also auch meine Samstagsbeschäftigung, soviel zu meiner Freizeit. Ach ja, Sonntags ist übrigens Golfzeit. Ich war jetzt schon einige Male golfen. Und ja, ich weiß wie das klingt. Aber hier ist das nicht wirklich was für vornehme oder reiche Leute. Für 5$ Greenfee kann ich hier den ganzen Sonntag golfen, wenn es die Zeit und mein Kater vom Samstag erlauben. Ich muss wohl dazu sagen, das auch beim Golf ordentlich Bier konsumiert wird, was zwar für mehr Spaß sorgt, aber nicht grade mein mieserables Handycap verbessert.
Ich habe leider sehr wenig Freizeit in den letzten zwei Wochen gehabt, und auch keine Wochenenden, so das Footy und Golf also flache fielen. Und das hängt wie alles hier direkt oder indirekt mit dem Regen zusammen. Genauer hängt mein Job und meine Arbeitszeit davon ab. Wie ich zu diesem und welchem Job gekommen bin, erkläre ich mal kurz. Also, nach dem wir unseren Fencingjob bei Porky Enterprises beendet hatten, haben wir ein Arbeitsgesuch in das Ortsblättchen gesetzt, Seite 1. Wir haben uns natürlich nicht darauf verlassen, das die Leute sich um uns reißen und haben nach guter alter Backpackermanier die Kneipenmethode probiert. Also ab in den örtlichen Pub, wo die Arbeiter und Anwohner ihr Bierchen zischen, überall mal streuen, das wir Arbeit suchen und nebenbei Infos sammeln, was denn so bezahlt wird und was es an Arbeit gibt. Die Leute wußten natürlich schon alle, das 4 Deutsche in der Stadt sind und nach arbeit suchen, bei 150 Leuten kein Wunder, aber soziale Kontakte und ein kaltes Bier sind immer gut. Und auf diese Weise trafen wir Noel, unseren nächsten Boss. Noel ist Farmer und wie wir später erfuhren einer der einflußreichsten Männer hier in Beacon und Umgebung. Er ist der Präsident der Beacon Bombers, der Vizepräsident des Beacon Shires, also der stellvertretende Gemeindevorsitzende und hat sonst noch so einiges an Funktionen, was sich in den Erzählugen verliert. Sein Einfluss sollte sich noch als Glück herausstellen. Für ihn machten wir wieder Fencing, also Zäune reparieren bzw neue aufstellen. Ganz nebenbei, ich habe noch nie so viele Zäune gesehen wie hier in Australien. Jedes Feld ist hier eingezäunt, vor allem wegen der Schafe (Kängurus hüpfen einfach drüber)! Die Zaunindustrie muss ein Vermögen machen!
Zurück zum Job. Nach dem Fencing haben wir noch das Dach eines seiner Häuser gedeckt. Wir haben uns super mit Noel und seiner Familie verstanden, die uns alle sehr mögen. Wir hatten so einige nette Feierabendbiere zusammen. Und auch auf Kangurujagt hat er uns einmal mitgenommen. Aber das ist eine andere Geschichte. Als es nichts mehr auf seiner Farm zu tun gab, hat er wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt, viele Leute angerufen und uns schließlich einige kleinere Jobs besorgt. Denn eigentlich wollten wir beim Seeding arbeiten, also bei der Aussaat des Weizen helfen. Davon hatten wir im Pub erfahren. Bei dieser Saisonarbeit werden jedes Jahr Traktorfahrer gesucht, die gut bezahlt werden. Da kein Regen in Aussicht war, und das Seeding so wie alles hier vom Regen abhängt, planten wir nach ein paar Tagen unsere Arbeitssuche im Norden fortzusetzen und an der Küste nach Broome zu fahren. Noel fand uns aber so nett, das er uns unbedingt hier in Beacon behalten wollte. Frisches Blut für die Stadt. Neben den kleinen Jobs stellte er uns andere Jobs in Aussicht. Und was soll ich sagen, diese Seele von einem Mann hat uns tatsächlich jedem einen Job besorgt. Joe und Christian fahren Traktor und haben auch eine andere Unterkunft bekommen. Kim hatte keine Lust zu bleiben, hat seinen Job garnicht erst angetreten und ist zurück nach Perth. So war ich dann alleine in Porky`s Haus, das die Leute nur das Pink House nennen.
Und nun zu meinem Job. Segen und Fluch zugleich, denn er ist auch einer der Gründe, warum ich nichts berichtet habe. Ich verdiene grade soviel Geld, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Bis zu 450$/Tag. Das ist der Segen. Aber wie ihr vielleicht schon vermutet ist da auch ein Haken. Nach über einem Jahr Low Budget Trip habe ich mich also kaufen lassen und einem meiner Prinzipien einen Urlaub gegönnt. Ich könnte versuchen, das alles doch positiv zu umschreiben, aber was solls, bin doch einer der Ehrlichen und stehe zu meinem Scheiß. Ich bin nicht stolz darauf, aber ich sprühe Gift auf die Felder der Farmer. Das ist natürlich vollkommen normal hier und wird auch nicht irgendwie negativ bewertet von den Menschen, das ist meine ganz persönliche Einstellung. Ich kaufe in Deutschland Bioprodukte und verabscheue den Konzern Monsanto für für die Geschäftspraktiken und Firmenphilosophie, die dahinter steckt. Und hier in Australien sprühe ich unter anderem Roundup, eine Monsanto-Chemikalie. Nun ja, ich begehe ja keine Verbrechen oder so, und ich weiß, ich muss den Job nicht machen, aber ich bin ja hier um Geld zu verdienen und mir war schon vorher klar, das ich hier nicht meinen Traumjob finden werde. Ich habe echt gut darüber nachgedacht bevor ich ja gesagt habe, und ich kann zumindest sagen, das ich verantwortungsbewußt mit der Brühe umgehe.
Seit es vor etwas über einer Woche geregnet hat ist es sehr stressig. Alle Farmer haben ein 24h Zeitfenster, in dem sie nach dem Sprühen ihre Saat einbringen müssen. Ich werde pro Hektar bezahlt und wenn es gut geht sprühe ich so 400ha am Tag. An einem idealen Tag sind 500ha drin, aber auf den Tag warte ich noch. Ich fahre einen überdurchschnittlich großen Pickup Ford F250 mit einem ziemlich großen Trailer dran, dessen Arme ich auf 110 foot ausklappe, mit ca. 30km/h über die Felder. Ihr seht, alles ziemlich groß hier. Da kommts auch mal vor, das man Fehler macht. Wie gestern! Die Umstände sind mir schon echt zu peinlich, aber ich hatte einen Unfall mit meinem Gefährt und hab es ziemlich stark beschädigt. Für mich stand fest, all mein verdientes Geld geht dafür drauf und noch mehr, falls meine Haftpflicht nicht einspringt. Mein Boss Pete hat glücklicherweise echt gut reagiert und mich nicht umgebracht. Zusammen haben wir es in 4 h Arbeit unter Hochdruck notdürftig geschweißt und repariert. Ihm war etwas ähnliches auch mal passiert. Meine Versicherung muss ich also nicht bemühen. Puuh! Trotzdem habe ich mich echt sowas von schlecht gefühlt. Glück mit meinem Chef hab ich also auch. Der hat mir übrigens in den Wochen vor dem Seeding so einiges nützliches beigebracht. Nun kann ich also schweißen und allerlei Arbeiten mit Stahl erledigen.

Ich mach hier mal Pause. Morgen gehts weiter. Es gibt da noch was Interessantes...